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Interview mit Prof. Frederic Vester   anhören

Prof.Frederic Vester, Leiter der Studiengruppe Biologie und Umwelt - Frederic-Vester GmbH im Gespräch mit Frank Drews zu typischen Fehlentscheidungen in der Verkehrsplanung und Lösungsmöglichkeiten.

Dies ist ein Abschrieb eines Interviews, welches innerhalb der Sendung vom Greenpeace-Radio Stuttgart am 21.03.2002 von 20-21 Uhr ausgestrahlt wurde.


Greenpeace-Radio Stuttgart: Der Verkehr nimmt stetig zu, Symptome sind z.B. Smok, Stau und Lärm. Lässt sich das Problem mit technischen Maßnahmen wie z.B. Dieselrußfiltern, 3-Literautos und Straßenneubauten lösen ?
Prof. Frederic Vester: Ja, das sind alles nur Symptombekämpfungen. Nehmen wir einmal Verkehrsleitsysteme. Die machen zwar zum einen das Fahren leichter, vielleicht sogar gelegentlich wirtschaftlicher und sicherer, und umweltfreundlicher - aber die vermögen natürlich nicht den Autoverkehr als solchen zu reduzieren und damit eben diese ganzen Belastungen unserer Umwelt die Sie eben genannt haben, zu denen noch die Klimaerwärmung durch die Verbrennung der fossilen Brennstoffe kommt, zu reduzieren.

Sie reduzieren nicht den Autoverkehr als solchen, lenken ihn nicht in vernünftige Bahnen, es sei denn es wird aus dem Individualverkehr tatsächlich ein Massenverkehr im Konvoi. Es gab da einmal ein VW-Projekt, das hieß sogar Konvoi - und da ist natürlich der ganze Reiz des Individualverkehrs weg.

Die ganze Geschichte mit diesen Verkehrsleitsystemen führt sich selbst ad absurdum. Es ist ein Nachgeben gegenüber dem Verkehsdruck - man kann sagen "theoretischer Straßenbau" der nur noch mehr Verkehr anzieht, bis es wiederum nicht mehr geht. Und dabei führt natürlich die "totale Mobilität" zur "Inmobilität" - und was dann - dann stehen wir wieder vor dem gleichen Problem.
Greenpeace-Radio Stuttgart: Was sollte man denn machen, oder was wäre das Ziel wohin man möchte ?
Prof. Frederic Vester: Das Ziel - das ist ja das was überall versucht wird, die Leute dazu bewegen, den öffentlichen Verkehr zu benutzen - den "öffentlichen Nahverkehr", und den "öffentlichen Fernverkehr". Aber das funktioniert natürlich nur, wenn diese attraktiver als das Autofahren sind.

Und da hapert es ganz gewaltig. Das haben wir bei den Untersuchungen und Studien gemerkt - wozu wir beauftragt wurden, z.B. im Oberallgäu, Obersdorf und anderen Städten - den Autoverkehr zu reduzieren, das geht nur, wenn mit sehr guten flankierenden Maßnahmen arbeitet die oft noch wichtiger sind als irgendwelche Straßensperrungen die die Leute nur ärgern.

Sondern mit flankierenden Maßnahmen etwa dass die Fahrpläne z.B. lesbarer und erreichbar sind. Dass man nicht zuerst die Brille aufsetzen muss um zu sehen: wann fährt der Bus von da nach da; manchmal ist noch ein Kreuzchen dahinter, beim anderen ein Stern, das eine ist nur Sonntags, das andere nur Samstags, das andere nur ab 17 Uhr - das ist natürlich ein absoluter Blödsinn und schreckt jedem ab. Und wenn einer natürlich versucht hat z.B. zu einem Ferienort mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, und dann nicht weiß wie der Anschluss ist - dann sagt der sich lieber: das nächste Mal nehme ich wieder das Auto. Oder bis ich herausgefunden habe, wie ich mit U- und S-Bahnen irgendwo hinkomme - dann nehme ich lieber ein Taxi.

Und da liegt meiner Ansicht nach der Größte Fehler den man bisher macht, das man da überhaupt nichts hineinsteckt, in das "Attraktiv Machen" des öffentlichen Verkehrs, denn wer das gemacht hat, der hat einen enormen Erfolg. Ich habe in meinen Büchern sehr oft auf das Baseler Modell hingewiesen. Denn im Verkehr ist es anders als sonst irgendwo in der Wirtschaft.

Normalerweise regelt ja in der Wirtschaft die Nachfrage das Angebot: Wie viele Leute etwas haben wollen, so wird es entsprechend geliefert oder produziert. Beim Verkehr ist es umgekehrt. Beim Verkehr regelt das Angebot die Nachfrage. Wenn das Angebot attraktiv ist, dann ist auch die Nachfrage hoch. Und das hat die Baseler Straßenbahn - als erste in Europa - direkt in die tat umgesetzt. Die hatten damals eine Taktzeit von ca. 20 Minuten und die Straßenbahn war immer halb voll. So, und jetzt kamen die beiden Parteien. Die eine Partei sagte: "Also müssen wir die noch seltener fahren lassen, z.B. alle 40 Minuten - und dann ist sie ganz voll". Und dann kamen die anderen und sagen: "Nein, das Angebot regelt die Nachfrage, wir lassen sie mal alle 6 Minuten fahren". Und das hat man tatsächlich gemacht und die Straßenbahn war voll. Und etwa 20 Prozent des Autoverkehrs sind umgestiegen.

Oder wie eine Stadt in Flandern, die haben eine ganz verrückte Idee gehabt. Die Gemeinde war hoch verschuldet und hätte um die Stadt einen vierspurigen Autobahnring bauen müssen um die Verkehrssituation, die katastrophal war, zu entlasten. Daraufhin hat der Bürgermeister einen kleinen Citybus alle 15 Minuten fahren lassen - kostenlos. Das hat die Stadt nur 1 Prozent ihres Budgets gekostet. Und sie konnten auf ein Vielfaches dieses Geldes verzichten und sie mussten nicht mehr diesen Autobahnring bauen. Sie sehen, da gibt es Möglichkeiten: wenn man das Gesamtsystem betrachtet, dann findet man auch Möglichkeiten so etwas zu verändern.
Greenpeace-Radio Stuttgart: Was halten Sie denn von der Strategie der Deutschen Bahn, Züge gerade im Nahverkehr, die nicht mehr genug ausgelastet sind, dann zu streichen ?
Prof. Frederic Vester: Das ist eine Katastrophe. Das ist aber auch einer in der Betriebswirtschaft häufig begangener Irrtum - man könnte es Profitcenter-Denken nennen. Also die einzelnen Teile eines Unternehmens müssen zeigen, dass sie sich selbst tragen. Das ist natürlich verrückt, weil manche Teile eines Unternehmens kosten eigentlich nur etwas, tragen sich gar nicht - sind aber Wesentlich, damit die anderen überhaupt laufen können. Sie sehen, was ich hiermit meine: Die Parallele ist ganz offensichtlich.

Wenn sie natürlich den Nahverkehr abstoppen in dem Moment, wird auch der Fernverkehr, der Zur Zeit noch etwas mehr bringt, sofort zurückgehen. Denn einer, der mit dem Auto zum nächsten Ort fahren muss, um dann dort die Bahn zu kriegen, der wird natürlich sagen: "Dann bleibe ich gleich in der Kiste sitzen und fahre den Rest der Strecke auch noch mit dem Auto". Das ist also ein grundsätzlicher Betriebswirtschaftlicher Fehler so zu überlegen.
Greenpeace-Radio Stuttgart: Jetzt kosten ja aber Maßnahmen um die Attraktivität zu steigern, Geld. Haben die Verkehrsbetriebe das Kapital um dies zu tun ?
Prof. Frederic Vester: Ja diese Maßnahmen kosten gar nicht viel Geld. Die Attraktivität beginnt ja wie gesagt schon mit einfachen flankierenden Maßnahmen, mit Hinweisen und anderen Fahrplänen, mit einer guten Logistik - das kostet natürlich lange nicht soviel, als wenn sie z.B. Superzüge bauen würden.

Das irrsinnigste Projekt ist dieser Transrapid, der leider immer noch in der Diskussion ist. Das ist natürlich ein absoluter Unsinn. Wenn der öffentliche Verkehr solche reinen Prestigeprojekte, die gar nichts bringen, weder umweltmäßig, noch energiemäßig, noch Zeitgewinn bringen, weiterhin unterstützt.

Ich habe da ein Beispiel: Die ICE-Strecke, die nach Erfurt führt, die wird zwischen München und Ingolstadt 8 Minuten Zeit einsparen und kostet 3,5 Milliarden DM. Das ist ein absurdes Verhältnis, um ein paar Minuten Zeit zu sparen, und da fließt das Geld hin - und wenn ich das sehe, dann denke ich mir: "Mein Gott, was könnten wir mit diesen 3,5 Milliarden machen wenn man die Leute etwa 8 Minuten länger fahren lässt, aber dafür das Umfeld verbessert, wie z.B. die Zubringer, die Logistik, die Taktfrequenz von Bussen und Bahnen.
Greenpeace-Radio Stuttgart: Wir bedanken uns für das Interview.


Webmaster, Greenpeace-Gruppe Stuttgart - letzte Änderung: 20.10.2002